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pierro says...

Von Thomas Schnedler

schnedler

Wer die jüngsten Studien auswertet, muss davon ausgehen, dass die gründliche Recherche seltener geworden ist.

Indiz Nr. 1 für die Vernachlässigung der Recherche im journalistischen Alltag ist die Sub­stitution der Recherche durch PR-Informationen. Jeder fünfte Journalist in Deutschland ist der Ansicht, dass die Zulieferungen der PR-Profis zunehmend Beiträge ersetzen, die früher von Journalisten recherchiert wurden. Zu diesem Ergebnis kommen Siegfried Weischenberg, Maja Malik und Armin Scholl in ihrer Studie „Journalismus in Deutschland II“ (veröffentlicht als „Die Souffleure der Mediengesellschaft“), einer repräsentativen Befragung hauptberuflicher Journalistinnen und Journalisten in Deutschland. Dass die PR-Informationen Zeit beim Recherchieren sparen, sagen 31 Prozent aller Befragten. Bei den Agenturjournalisten sind es sogar 39 Prozent.

Erste Ergebnisse einer Studie der Universität Münster, die im August 2009 im Fachmagazin „journalist“ veröffentlicht wurden, weisen in die gleiche Richtung. Jeder Dritte der befragten Journalisten ist der Ansicht, dass der Einfluss der PR-Akteure auf die journalistische Arbeit seit 1990 größer geworden ist. 21 Prozent schätzen ihn als gleichbleibend hoch ein. Für das Projekt „Wandel bei aktuellen Massenmedien: Journalismus in veränderten Medienkontexten“ wurden unter der Leitung von Bernd Blöbaum 15 Nachrichtenredaktionen in Deutschland untersucht und mehr als 300 Journalisten befragt.

Zeit ist eine knapper werdende Ressource: 55 Prozent der Journalisten, die von den Münsteraner Wissenschaftlern befragt wurden, gaben an, heute weniger Zeit für die Recherche zu haben als früher. Nur sechs Prozent verfügen über mehr Zeit für ihre Recherchen. Zu ähnlichen Ergebnissen kommen die Journalismus-Forscher um Siegfried Weischenberg: Der zeitliche Aufwand für Recherche sank demnach von täglich 140 Minuten im Jahr 1993 auf 117 Minuten pro Tag im Jahr 2005 – Indiz Nr. 2 für die Defizite bei der Verankerung der Recherche im Arbeitsalltag der Journalisten.

Den freien Journalisten bleibt dabei etwas mehr Zeit pro Tag: Sie recherchieren im Schnitt 124 Minuten, fest Angestellte hingegen 104 Minuten. Trotzdem ist nur etwa jeder zweite Freiberufler der Ansicht, ausreichend Zeit für die Recherche zu haben. Dies ergab die Studie „Freie Journalisten in Deutschland“, die im Auftrag des Deutschen Fachjournalisten-Verbands von der Universität München durchgeführt wurde und sich insbesondere auf eine Onlinebefragung freiberuflicher Journalisten stützt. 52 Prozent der freien Journalisten mit Vollzeit-Arbeit bejahten die Frage, ob im beruflichen Alltag genug Zeit für die Recherche bleibe. Und 46 Prozent aller Freien gaben an, dass ihre Arbeit generell unter hohem Zeitdruck leide.

Indiz Nr. 3 – die Überprüfungsrecherche spielt in der redaktionellen Realität nur eine untergeordnete Rolle. Die Leipziger Journalismus-Forscher Marcel Machill, Markus Beiler und Martin Zenker fanden in einer großen Beobachtungsstudie zur journalistischen Recherche heraus, dass Journalisten im Schnitt nur rund elf Minuten pro Tag aufwenden, um die Glaubwürdigkeit von Quellen und die Richtigkeit der Informationen zu kontrollieren. Eine Minute davon werde dem Quellencheck gewidmet. Die Überprüfungsrecherche sei „offensichtlich zum Luxus des journalistischen Alltags geworden“, folgern die Autoren der Studie („Journalistische Recherche im Internet“), die im Auftrag der Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen durchgeführt wurde. In den Arbeitstagen sei oft schlicht kein Platz mehr. „Der Journalist weiß sich oft nicht mehr anders zu helfen, als bei der Inhaltsproduktion auf informationelles Junk-Food wie etwa Pressemitteilungen und Nachrichtenagenturinhalte zurückzugreifen.“

Die Autoren der Studie beobachteten 235 Journalisten in Tageszeitungen, Hörfunk, Fernsehen und Online-Redaktionen. Sie gingen dabei von einem weiten Recherchebegriff aus und rechneten beispielsweise auch das Verfolgen der Nachrichtenlage – als Teil der Themenfindung oder der Relevanzbewertung – zur journalistischen Recherche. 108 Minuten pro Tag widmen die beobachteten Journalisten der Überprüfungs- und der Erweiterungsrecherche.

Die Leipziger Studie zeigt zudem, dass die Recherche in der redaktionellen Praxis ein Schreibtischjob ist. Eine Analyse der Recherchemittel ergab, dass Ortstermine und Face-to-face-Interviews nur einen Häufigkeitsanteil von 1,4 Prozent haben. Wesentlich bedeutender sind Telefonate (15,0%), E-Mails (12,1%) und das von Nachrichtenagenturen gelieferte Material (11,5%).

Wie wichtig gerade Quellencheck und Faktenkontrolle sind, zeigte der „Spiegel“-Reporter Markus Grill am Beispiel der Pharmaindustrie bei der „Netzwerk Recherche“-Fachkonferenz „Quellen finden und öffnen“. Es gebe beispielsweise eine systematische Unterwanderung von Selbsthilfegruppen durch Pharmakonzerne, als Experten getarnte PR-Agenten der Pharmafirmen oder medizinische Studien, deren wissenschaftlicher Wert fragwürdig sei. Die Zuverlässigkeit der Quellen sei daher stets zu kon­trollieren. „Um die Öffentlichkeit über angebliche Vorteile ihrer neuen Medikamente zu täuschen, ist vielen Pharmaunternehmen jedes Mittel recht“, schreibt Markus Grill in seinem Buch „Kranke Geschäfte. Wie die Pharmaindustrie uns manipuliert“.

Auch der Fachdienst „epd Medien“ berichtete jüngst (Heft 41/2009 vom 21.5.2009) über eine besonders perfide Täuschung: Der renommierte Wissenschaftsverlag Elsevier hat in Australien jahrelang Fachzeitschriften für Mediziner publiziert, die wie unabhängige Fachmagazine wirkten, tatsächlich aber im Auftrag von Pharmaunternehmen hergestellt und von diesen bezahlt wurden.

Journalisten in Deutschland nutzen aufwändige Recherchemethoden wie die verdeckte Recherche nur selten – Indiz Nr. 4 für Defizite im Rechercheprozess. Das hat auch berufsethische Gründe: Nur acht Prozent der von Siegfried Weischenberg befragten Journalisten halten es für legitim, sich bei der Recherche als eine andere Person auszugeben. Es überrascht nicht, dass man zu einem anderen Ergebnis kommt, wenn man inves­tigativ tätige Journalisten befragt, wie es Ingmar Cario in der Studie „Die Deutschland-Ermittler“ getan hat. In Leitfadeninterviews zeigte sich, dass die Methode der verdeckten Recherche in dieser Berufsgruppe durchaus anerkannt ist und praktiziert wird. Die Undercover-Recherche berge für den Journalismus „ein großes, längst nicht ausgeschöpftes Potential“, resümiert auch der freie Journalist David Schraven in der „Netzwerk Recherche“-Werkstatt „Undercover. Reporter im verdeckten Einsatz“, die die Ergebnisse einer Fachtagung dokumentiert.

Ein gelungenes Beispiel: Zwei ZDF-Reporter, Christian Esser und Astrid Randerath, deckten vor einigen Monaten auf, wie weit die Anzeigenberater deutscher Verlage gehen, um neue Kunden zu gewinnen. Die beiden Journalisten gründeten zum Schein eine Pharmafirma und kreierten ein Phantasieprodukt, das Antidepressivum „Volazin“, inklusive Hochglanzbroschüre und Homepage. Die Vertreter der Verlage schlugen „Gesundheits-Specials“ oder „Promotion-Anzeigen“ vor, um das Medikament zu platzieren – trotz des Werbeverbots für verschreibungspflichtige Arzneimittel. Die Gespräche mit den Anzeigenberatern zeichneten die Journalisten mit versteckter Kamera auf – die Verlage dementierten später dennoch, berichtete das NDR-Magazin „Zapp“ Ende 2008.

Filed under: recherche

larsbas says...

Was jeder Journalist können und kennen muss:


1. Webbrowser als Basis-Werkzeuge der Online-Recherche beherrschen
2. Universalsuchmaschinen und deren erweiterte Suchfunktionen einsetzen
3. Wikipedia nicht als Quelle verwenden
4. Kollaborative Projekte ("Social Media") wie Newsgroups, Social Networks, Weblogs, Social Bookmarks, Twitter etc. laufend nutzen
5. Spezialisierte Suchdienste verwenden
6. Quellen und Informanten so effektiv schützen wie bei anderen Recherchen
7. Digitalen Quellen prüfen
8. Recherchen anonymisieren und verschleiern
9. Recherchen planen und protokollieren
10. Recherche-Ergebnisse gerichtsfest archivieren

via Detlef Borchers

Filed under: Recherche

bibale says...

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jon says...

Toujours sur l'excellent {Sciences²}, de Sylvestre HUET.

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