Musikindustrie vs. renitente Nerds
Lege dich nicht mit renitenten Nerds an. Dieser Wahrheit muss die Musikindustrie einmal mehr ins Gesicht blicken.
Nachdem die High-Profile-Prozesse gegen Mininova und vor allem die Pirate Bay nicht wirklich zu einem Rückgang der Piraterie geführt haben, bewegt sich die Torrent-Szene mit Schwung in eine Richtung, die genau solche Prozesse in Zukunft verunmöglichen wird.
Die Pirate Bay kündigte nämlich an, ihren Tracker abzuschalten und stattdessen nur noch mit DHT und Magnet-Links zu arbeiten.
Worlds most resiliant tracking (Pirate Bay Blog)
The Pirate Bay Tracker Shuts Down for Good (TorrentFreak)
Pirate Bay Retires World’s Largest BitTorrent Tracker (Wired Threat Level)
Foto: Flickr/Dave Morris
Kurze technische Erklärung: Um per Bittorrent Filme, TV-Serien, Musik oder Software herunterzuladen, braucht man einen Torrent-Client (z.B Vuze). Ausserdem muss man die .torrent-Datei suchen (das nicht die gewünschte Datei selber, sondern nur Metainformationen über den Torrent enthält). Das tut man eben auf Torrent-Suchmaschinen wie Mininova oder der Pirate Bay. Wenn man nun diese .torrent-Datei mit seinem Torrent-Client öffnet, meldet sich dieser Client zuallererst beim Tracker an - das ist der Server, der den Torrent organisiert und weiss, welche anderen Clients den gleichen Torrent laden.
Neben der Suchmaschine ist also der Tracker ein zentraler Punkt in einem P2P-Netzwerk. Und weil jemand diesen zentralen Server betreiben muss, haben die Anwälte der Musikindustrie damit einen natürlichen Angriffspunkt für Prozesse.
Nun will die Pirate Bay genau diesen Tracker abschalten, aus nachvollziehbaren Gründen. Wie funktionieren dann aber in Zukunft die Torrents der Pirate Bay? Ganz einfach: über die DHT, die Distributed Hash Table. Hinder dem komplizierten Namen steht ein ganz einfaches Prinzip: Statt die Informationen über Torrents zentral auf einem einzigen Server abzulegen, wird diese Datenbank auf die Clients im P2P-Netzwerk verteilt. Wenn ein Client also eine .torrent-Datei öffnet, erkundigt er sich nicht mehr bei einem zentralen Server über die Zustand des Torrents, sondern bei den anderen Clients.
Damit fällt die Notwendigkeit eines zentralen Servers einfach weg. Stattdessen machen es die Nutz
er im P2P-Netzwerk selber untereinander aus. Statt einem Angriffspunkt eine Million.
Wer sich jetzt frohlockt, freut sich zu früh. Die Musikindustrie hat diese Entwicklung nämlich durchaus begriffen und vorausgesehen. Deshalb haben die grossen Branchenverbände IFPI (international) und RIAA (USA) schon seit gut einem Jahr die Strategie gewechselt: Statt weiterhin auf Einzelprozesse gegen Filesharer zu setzen, wollen sie nun Bittorrent grundsätzlich kriminalisieren. Wer beim Benutzen von Bittorrent erwischt wird (egal wofür), soll vom Internet gekappt werden.
In Frankreich ist das Gesetz schon durch; in Grossbritannien in Vorbereitung; und auch die EU hat soeben ein Entwurf verabschiedet, der diese Art von "Three Strikes"-Gesetz möglich macht. All diese Gesetzesvorlagen entstanden dank massivem Lobbying der Content-Industrien.
Je nach nationaler Ausgestaltung gibt es Bedenken zur Rechtsstaatlichkeit dieser Vorlagen (z.B. Entscheidet ein Richter oder eine Behörde? Hat man das Recht auf einen Prozess, wenn ja vor der Sperrung oder erst nachher?). Das Hauptproblem ist aber nicht die Rechtsstaatlichkeit, sondern der Umstand, dass die Gesetzgeber offenbar bereit sind, den Bürgern den gesamten Internet-Anschluss zu kappen, weil sich die Content-Industrie bedroht sieht. Das ist eine Frage der Verhältnismässigkeit. Auf der einen Seite steht das Interesse der Musikindustrie, mit ihren Erzeugnissen Geld zu verdienen. Und auf der anderen das Recht der Bürger auf freien Zugang zu Informationen.
Die Musikindustrie hat das komplizierte Skalpell des Prozesses weggelegt und stattdessen den Holzhammer ausgepackt. Das ist Massive Retaliation, da geht es nicht mehr um Bestrafung, sondern um Rache und Abschreckung.
Als ob das nicht schon Grund genug wäre, sich aufzuregen, publiziert das Blog der britischen Times diese Grafik:
Quelle: Do music artists fare better in a world with illegal file-sharing? (Times Online Lab)
Gesehen? Während der Umsatz der britischen Musikindustrie mit Aufnahmen (CDs) in den letzten vier Jahren gesunken ist, hat der Umsatz mit Live-Konzerten so stark zugenommen, dass er den Verlust bei den CDs nicht nur wettmacht, sondern dass die Industrie als ganzes sogar MEHR Umsatz macht als vor vier Jahren. Die Musikindustrie verdient mehr, nicht weniger.
Auch wenn das nur einige Jahre in einem einzelnen Land sind, kann man doch diese These wagen: Was hier stattfindet, ist NICHT der Niedergang einer ganzen Industrie, sondern eine Verschiebung der Einkünfte innerhalb dieser Industrie. Und zwar weg von den Labels, hin zu den Konzert- und 360°-Agenturen und den grossen Künstlern (die es sich leisten können, 200.- oder mehr für ein Konzert zu verlangen).
Das ist also alles andere als der Überlebenskampf, von dem uns die Lobby-Organisationen die Ohren vollheulen. Das ist ein Verteilkampf. Es ist deshalb empörend, dass sich Staaten zu Komplizen machen und bereit sind, Grundrechte zu opfern, um die Interessen einer Industrie zu wahren, die sich verzweifelt an alten Geschäftsmodellen festklammert.
Ethisch liegt die Sache übrigens klar: Es ist richtig, dass Musiker heute wieder mehr Geld mit Live-Auftritten verdienen, als mit dem Verkauf von CDs. Das ist der Urzustand: Musiker als Performer. Die Möglichkeit, Musik aufzunehmen, gibt es seit Ende des 19. Jahrhunderts. Erst dadurch wurde es möglich, dass ein Künstler ein einziges Mal eine Performance aufnehmen kann, und dann mit dem Verkauf von unzähligen Kopien dieser Performance (die so gut wie nichts kosten) unanständig reich werden kann.
Aufgenommene Musik ist nichts anderes als Werbung für das Original, die Live-Performance. Für Werbung zu bezahlen ist absurd. Die Live-Performance als Haupteinnahme-Quelle für Musiker ist ausserdem auch in einer globalisierten Kultur gerecht: Auch der grösste, weltbekannteste Künstler kann nicht immer überall sein. Das gibt Platz für die Kleinen, Lokalen. Klar, wenn Robbie Williams spielt, hat die kleine Band am selben Abend keine Chance. Aber Robbie ist nur einmal alle paar Jahre hier. In der Hitparade hingegen sind seine Kopien ständig präsent.







