Ich habe heute zusammen mit Stefan Pfeiffer von IBM auf der DNUG Herbstkonferenz (Deutsche Notes User Group) einen Vortrag zum Thema Social Media für PR und Marketing gehalten. Dies ist ein Vortrag, den wir in der Art bereits zweimal gehalten haben und das nächste Mal wieder auf der Online Educa Anfang Dezember in Berlin halten werden.
Stefan und ich teilen uns den Vortrag auf: Ich leite ein, gebe einen Überblick darüber, warum Unternehmen sich überhaupt mit dem Thema Social Media auseinandersetzen sollten, und berichte von konkreten Erfahrungen, die wir in den letzten zwei Jahren mit Social Media bei unserer Arbeit mit IBM und darüber hinaus gemacht haben und gebe dazu noch ein paar andere prägnante Beispiele für die Wirkung von Social Media, je nachdem vor wem wir präsentieren. Stefan geht dann konkret darauf ein, warum Social Media aus seiner persönlichen Marketing-Sicht für IBM Lotus Sinn machen und was konkret gemacht wird: Welche Kanäle genutzt werden; welche Themen kommuniziert werden; welche Erfolge / Wirkung das Ganze hat.
Egal wo wir den Vortrag bislang gehalten haben, Interesse ist immer vorhanden und das zeigt natürlich, dass das Thema Social Media bei Unternehmen angekommen ist. Damit meine ich nicht, dass jedes Unternehmen und jeder Unternehmer das Web 2.0 für sich als absolut relevant ansieht. Vielmehr merke ich noch häufig Bedenken in vielerlei Hinsicht: Wie sicher ist das Ganze? Was ist mit dem Schutz meiner Privatsphähre? Was darf ich tun und was nicht? Erlaubt mein Arbeitgeber das überhaupt / Soll ich das meinem Mitarbeitern erlauben? Wie sieht es mit dem Vermischen von Privatem und Beruflichem aus?
Ein Bedenken habe ich persönlich noch nicht erlebt, obwohl ich natürlich weiß, dass es dieses häufig gibt. Das erlebt man bei Bloggern, die Kontakt zu Unternehmen suchen oder bei Unternehmen, die Social Media nutzen: Den Vorwurf, dass die, ursprünglich völlig unkommerzielle Blogosphäre, ausverkauft wird, vor den kommerziellen Karren wirtschaftlicher Interesen gespannt wird und damit ihre Seele verliert, das was sie ausmacht.
Ich persönlich bin seit einigen Jahren
Fußballblogger; und das völlig privat und ohne jegliches kommerzielles Interesse. Und ich denke, das wird auch so bleiben. Was ich liebe an der kleinen (?) deutschen Fußballbloggerwelt, sind viele Dinge: Eben dieses meist Unkommerzielle; die Leidenschaft, mit der die Beteiligten dabei sind (genau das, so nebenbei, was Unternehmen in Blogs und Bloggern suchen); die hochwertige Streitkultur, die in vielen Blogs herrscht (nicht zu verwechseln mit den Foren, wo es oftmals ganz anders zur Sache geht) und die sich gerade dann zeigt, wenn Fans unterschiedlicher Vereine sich „bekriegen“; und das tiefe Wissen, dass die Blogger von ihren Vereinen im Speziellen und dem Fußball im Allgemeinen haben. Ich möchte das nicht mehr missen und nutze die traditionellen Sportmedien, online und offline, mittlerweile eigentlich nur noch als Ergebnisdienst. Wirklich Tiefergehendes hole ich mir in den Blogs und da ist mir auch egal, ob diese von Journalisten, Bäckern, Vorstandsvorsitzenden, Putzmännern oder Hausfrauen geschrieben werden; so lange er mir gefällt. Ich weiß, dass viele meiner Bloggerkollegen so denken wie ich; und ich weiß natürlich auch, dass dies eine Gefahr für die traditionellen Medien ist, welche, wenn auch mit anderen Themen, eine Hauptzielgruppe meiner Arbeit als PR-Berater sind. Doch sollte man hier Ursache und Wirkung nicht verwechseln: Ich denke, dass viele Menschen sich, auch beim Thema Fußball, von den traditionellen Medien abwenden, weil diese schlicht nicht mehr das liefern, was die Leute suchen. Es ist ja nicht so, dass ich eine Papierallergie habe oder ein Medienblocker in meinem Browser installiert ist. Wenn Medien gute Angebote haben, dann nutze ich diese auch und bin auch bereit, für diese zu bezahlen. Nur, es gibt sie kaum im deutschen Sportjournalismus (mal abgesehen von der rühmlichen Ausnahme
11Freunde und den vereinzelt guten Reportagen in Tageszeitungen).
Aber zurück zum Thema: Heute hatte ich nach unserem Vortrag eine kurze Diskussion mit Jörg Allmann (vielen Dank noch mal für das Buch! ). Er meinte, dass Unternehmen, die sehr systematisch an das Thema Social Media herangehen und versuchen, alles möglichst zu automatisieren und zu optimieren, genau das Wesentliche am Web 2.0 nicht verstanden haben: das Unsystematische, Unkommerzielle, Chaotische, den Spaß und die Leidenschaft. Er meinte, dass er Sorge habe, die Unternehmen machen so lange weiter, bis sie (auch) das Web 2.0 kaputt gemacht haben. Ich verstehe das sehr und bin in Teilen auch seiner Meinung. Andererseits auch wieder nicht. Denn DAS Web 2.0 gibt es meiner Meinung nach gar nicht. Und es hat auch niemand einen Anspruch auf die einzig wahre Blogosphäre. Natürlich gibt es Blogger, die nichts mit Unternehmen zu tun haben wollen, die sich einfach nur mit Gleichgesinnten austauschen wollen über Dinge, die sie interessieren (und wenn das zufällig Dinge sind, die Unternehmen herstellen, dann wollen sie trotzdem nichts mit denen zu tun haben). Und andererseits gibt es natürlich auch Unternehmen, die mit der Holzhammermethode an die Social Media-Sache herangehen und denken, sie sind die Tollsten und alle müssten das doch auch genauso sehen; und dann reagieren sie, gelinde gesagt, verschnupft, wenn ihnen von Bloggern die massive Kritik entgegenschlägt.
Aus diesem Grund ist es so wichtig, dass Unternehmen, die sich wirklich ernsthaft mit Social Media auseinandersetzen wollen und die sich von den Negativbeispielen Gottseidank noch nicht haben abschrecken lassen, sich zunächst ein Bild machen und dabei folgende Fragen zu beantworten versuchen:
- Sind die Menschen, welche ich zu erreichen versuche, also zum Beispiel Kunden, Partner, Mitarbeiter, „Influencer“, im Netz aktiv?
- Werden die Themen, die für mich als Unternehmen relevant sind, im Netz diskutiert?
- Sind die Menschen, die für mich als Unternehmen relevant sind, auch bereit, mit mir in einen Online-Dialog zu treten?
- Bin ich als Unternehmen bereit dafür, mich aktiv in Social Media zu beteiligen? Das heiß: Habe ich Mitarbeiter, die bereits aktiv sind? Kann ich schnell oder besser angemessen in jeder Hinsicht auf Fragen, Lob, Kritik reagieren? Verfüge ich über die nötigen Ressourcen?
Wenn diese (und sicher noch einige mehr) Fragen beantwortet sind, dann kann das Unternehmen eine Strategie entwickeln, wie genau sie vorgehen wollen; ob sie Social Media als Informations- und Recherche-Pool nutzen wollen, ob sie aktiv Kundenfeedback einholen wollen, ob sie das Web 2.0 für das Recruiting nutzen wollen, ob sie eine Community für ihre Partner aufbauen wollen oder ob sie einen breiten Dialog mit diversen Bezugsgruppen eingehen wollen. Dies versuche ich, in meinen Vorträgen und auch sonst Unternehmensvertretern zu vermitteln.
Die beste Vorbereitung bedeutet allerdings nicht, dass nicht doch Kritik, berechtigt oder nicht, auf ein Unternehmen zukommen kann. Es wird immer Menschen geben, die das Ganze grundsätzlich ablehnen; oder die Unternehmen werden auch dann noch Fehler machen. Aber da sage ich deutlich: Damit müssen alle leben, sowohl die Ablehner als auch die Unternehmen selber. Ich denke, nicht nur das Internet, sondern auch Social Media sind groß genug, dass verschiedene Gruppen nebeneinander existieren können, ohne sich gegenseitig ausschließen zu müssen.
Zumindest eine Sache habe ich durch den Vorrtag und das Feedback darauf gelernt oder vielmehr habe ich gelernt stärker in den Vordergrund zu stellen: Bei aller meiner Meinung nach wichtigen und notwendigen pragmatischen Herangehensweise an Social Media darf auch für Unternehmen der Spaß und die Leidenschaft nicht fehlen. Und beim nächsten Vortrag werde ich dies an den Anfang setzen und nicht (nur) erst damit schließen.
Und wenn ich dann das Feedback bekomme, dass jemandem das am Anfang zu wenig pragmatisch war, dann sei’s drum.