Die deutschen Tageszeitungen haben innerhalb von zehn Jahren fünf Millionen Käufer verloren; wegen der Wirtschaftskrise schalten die Unternehmen erheblich weniger Anzeigen, Geld, auf das die Verlage angewiesen sind. Und dann gibt es da dieses Problem.
»Das Internet«, sagt Mathias Döpfner, der Chef des Axel Springer Verlags.
»Das Internet«, sagt der Verleger Hubert Burda, der hinter Focus und Bunte steht.
»Das Internet«, sagt Bernd Buchholz, der Vorstandschef von Gruner + Jahr, Deutschlands größtem Zeitschriftenverlag.
»Kostenpflichtiger Universaljournalismus hat keine Zukunft«, sagt der Medienberater Alexander Kahlmann und meint damit die Zeitungen. Seine Firma hat mehr als hundert von ihnen beraten. Es ist merkwürdig: Auch der Operateur glaubt nicht an das Überleben seiner Patienten.
Ich habe einmal gelernt, dass "Warum" eine Fragewort ist. Ein Satz, der mit diesem Wort beginnt, endet mit einem Fragezeichen. Sollte er zumindest. "Warum" ist das wichtigste Wort des Kindes, mit "warum" erschließt es sich die Welt. Ein Kind, das seine Eltern fragt, warum etwas so oder so ist, bekommt Antwort. Sicher, ein laut geplärrtes "Mamaaaa, warum hat der Mann da so einen dicken Bauch?" kann schon mal mit einem hektischen "Pschtttt" beantwortet werden.
In der Medienwelt setzt sich nun der Trend durch, mit "Warum" keineswegs eine Frage einzuleiten, sondern vielmehr einen verkappten Aussagesatz. Wunderbar beherrschen dies die diversen Computerzeitschriften. "Mac OS X Snow Leopard" schallt es einem da entgegen und in der Sub-Headline: "Warum Sie jetzt upgraden sollten". Soll eigentlich heißen: "Sie sollten jetzt upgraden". Klingt aber in Blattmachers Ohren offensichtlich nicht so kernig. Auch die Buchbranche wirft immer mehr Ex-und-Hopp-Produkte auf den Markt, die uns nur vermeintlich eine Frage stellen. "Die Überflussgesellschaft. Warum wir uns zu Tode fressen". Man gibt also vor, eine Frage zu beantworten, will aber in Wahrheit etwas beweisen, das von Anfang an feststeht. Es ist also gar nicht die Frage, ob wir uns zu Tode fressen, nein, wir sind schon tot, und können vor unserem Ableben gerade noch das Buch lesen.
Woher also die Scheu der Medienmacher vor der klaren Aussage? Warum fragen, wenn sich keine Fragen stellen? Ganz einfach: Hier haben wir es mit Pseudo-Journalismus zu tun. Das "Warum" klingt so investigativ, wie viele Wald-und-Wiesen-Journalisten gerne sein möchten. Das "Warum" suggeriert, dass hier schwer recherchiert worden ist (wahrscheinlich wurden aber nur die ersten fünf Google-Treffer paraphrasiert). Das "Warum" will sagen: "Wir wissen was, was Du nicht weißt. Kauf mich!" In diesem Sinne schreibe ich vielleicht bald mal ein Buch. Titel: "Die dümmsten Marotten der Medien. Warum sie uns so sehr auf die Nerven gehen".
Google modifiziere sein "First Click Free"-Angebot so, dass nicht registrierte Nutzer am Tag nur noch fünf Artikel aus einer bestimmten Zeitung anklicken können, schreibt
Produktmanager Josh Cohen im Google News Blog. Danach werden sie auf eine Seite weitergeleitet, auf der sie sich registrieren oder ein Abonnement abschließen müss
Auf die darauf folgende Diskussionen in Verlagen (und: im Verlag) habe ich eigentlich ganz, ganz wenig Lust.
Was das bedeutet weiß ich schon jetzt: Mehr Pay. Führt dazu, dass viele Nutzer mehr unterschiedliche Angebote als bisher verwenden werden. Gut für die kleinen, schlecht für die großen Player.
Der Freitag-Autor Thomas Rothschild schreibt nun in der neuen Ausgabe der Zeitschrift Ossietzky sehr offen darüber, „Wie der Freitag abgewickelt wird“ (Ossietzky 24/2009, S. 917 ff.). Er dokumentiert darin einen Text, den er der Redaktion im Juli 2009 zur Veröffentlichung angeboten hatte, und in dem er, kurz gesagt, prognostiziert, daß der professionelle Journalismus seine Zukunft schon hinter sich habe:
Der Freitag ist toter als Ötzi. Er wird noch von Augstein und und seinen Getreuen verteidigt, sowie wenigen Community-Mitgliedern, die sich selbst Journalisten nennen, offensichtlich aber nicht über das lokale Werbeblättchen hinausgekommen sind und sich nun den großen Durchbruch erhoffen.
Der Freitag repräsentiert mittlerweile die Gesellschaftsschichten, die von unten kommend, sich nun der neuen Mitte zugehörig fühlen und mit den Mächtigen speisen wollen und die eigene Identität verloren haben. Es ist aber nicht nur die eigene Identität - der Freitag hat sein Herz verloren. Lest die aktuelle Ossietzky - Autoren wie Michael Angele merken nicht einmal, wie sie jegliche düstere Prophezeiung selbst erfüllen. Der Freitag ist mit seinem neuen/alten Personal teilweise nur noch eine Persiflage des Journalismus - von alten Zeiten ganz zu schweigen.
Spieler schießen auf Zivilisten und foltern Gefangene, wenn auch nur virtuell. Forscher fordern: Für Computer-Spiele sollen völkerrechtliche Regeln gelten. Von Tina Klopp
In der Wartehalle des Moskauer Flughafens stehen Menschen vorm Check-in. Als sie die nahende Gruppe Männer mit automatischen Waffen entdecken, liest man in ihren Gesichtern eher ungläubiges Staunen als echtes Erschrecken. Wenig später sind sie alle tot, ihre blutenden Körper färben den Boden rot.
Anzeige
Der Spieler, der sich undercover in eine Gruppe von Terroristen eingeschleust hat, hatte keine Wahl. Er musste schießen. Sonst wäre seine wahre Existenz als Soldat einer amerikanischen Spezialeinheit aufgeflogen. So gut legitimiert, wie dieses Gemetzel an wehrlosen Zivilisten dadurch scheinen mag – die Debatten, die diese Flughafenszene im neuen Spiel der Call-of-Duty-Serie ausgelöst hat, waren zahlreich. Was unter anderem deshalb relevant ist, weil das Kriegsspiel Call of Duty – Modern Warfare 2 eines der meistverkauften Spiele überhaupt zu werden droht.
In der englischsprachigen Ausgabe ist der Spieler selbst beteiligt an der Jagd auf die fliehenden und kreischenden Zivilisten. Die deutsche Aufsicht war da strenger: Hier gibt es diese Möglichkeit nicht. Sobald der Spieler die Waffe auf unbewaffnete Menschen ansetzt, bedeutet das Game over. Auch über diese vermeintliche Zensurmaßnahme wurde heftig diskutiert. Aber selbst einigen hartgesottenen Spielern gingen die Szenen zu weit. Die Warnung, die Entwickler Activision Blizzard vor diesen Szenen einblendet – man kann den Teil auch überspringen und später weiterspielen –, halten viele für heuchlerisch. Und werfen der Firma vor, ihren irrsinnigen Verkaufserfolg damit noch befeuert zu haben.
Das Verbot, Gewalt gegen Zivilisten auszuüben, ist einer der Angelpunkte des Kriegsvölkerrechts. Die beiden schweizerischen Institutionen Pro Jeventute und TRIAL haben sich daher angeschaut, wie Gamer es in Kriegsspielen mit den Genfer Konventionen halten. Ihre Mitarbeiter spielten dazu unter den wachsamen Augen von Juristen, die sich auf Völkerrecht spezialisiert haben. Zu den zwanzig geprüften Spielen gehörten unter anderem Call of Duty 4 und 5, 24, Battlefield und Far Cry 2.
"Die Auswertung zeigt, dass die Regeln des humanitären Völkerrechts in vielen Fällen nicht Teil der Spielanlage sind", heißt es. Zwar gestehen die Prüfer zu, dass die Spiele zur Unterhaltung produziert und die wenigsten Spieler selbst jemals an echten Kriegen teilnehmen werden. "Dennoch erstaunt das praktisch vollständige Fehlen entsprechender Spielregeln oder Sanktionen im Game: Zivilpersonen oder geschützte Objekte wie Kirchen und Moscheen können ungestraft angegriffen werden, in Verhörszenen sind sanktionslos Folter, unmenschliches oder erniedrigendes Verhalten möglich oder es werden außergerichtliche Hinrichtungen simuliert."
Dabei hätten die Testspieler durchaus Gegenbeispiele gefunden, heißt es in der Studie. Die zeigten, dass es möglich sei, Verhalten zu belohnen, das Kollateralschäden vermeidet und umgekehrt den Tod von Zivilisten bestraft.
Irrelevant für eine Gesellschaft ist dieser Tenor keinesfalls. Die Kämpfe seien zwar rein virtuell, dennoch vermittelten diese Spiele Meinungen über den Krieg, belohnten und bestraften bestimmtes Verhalten, und vermitteln Bilder, wer die Guten und wer die Bösen seien, glauben die Forscher. Interessanterweise geht es ihnen nicht darum, die Games weniger gewalthaltig zu machen. Sie fordern die Spielhersteller vielmehr auf, in diesem Bereich ihre Kreativität einzusetzen. "Es kommt einer verpassten Chance gleich, wenn der virtuelle Raum die Illusion schrankenloser Gewalt vermittelt."
Niemand würde ähnliche Forderungen an Horrorfilme oder Theaterstücke stellen, entgegnen viele Spieler. Müssen für Spiele andere Regeln gelten als für Bücher oder Filme? Befürworter sagen, ein Spieler könne sich von der Gewalt, die er selbst in einem Spiel ausübe, weniger distanzieren als das bei einem Buch oder im Film der Fall sei. Oder schlimmer noch: Er würde sich sogar das gesunde Unwohlsein, dass man bei solchen Szenen natürlicherweise verspüren müsse, konsequent abtrainieren.
Dem widerspricht zumindest die recht gut belegte These der Spieleforschung, dass jeder Spieler das ihm angemessene Spiel findet. Ein Mensch, der sich im Leben zu unsortiert und machtlos fühlt, spielt gerne Strategiespiele. Wer sich gerne prügelt, tut das auch im Spiel. Und wer gerne wehrlose Menschen abschlachtet? Wenn er sich das auch in der Realität herbeisehnt, braucht er vermutlich dringend Hilfe.
Schaut man sich die dazu gehörenden Debatten an, überwiegt der Eindruck, dass die Spieler in der umstrittenen Flughafenszene von widersprüchlichen Emotionen ergriffen werden. Und die wenigsten finden das Geschehen ausschließlich angenehm.
Aus Sicht der Entwickler kommt erschwerend hinzu, dass Spieler mit unrealistischen Grenzen oder künstlich auferlegten Schießverboten oft unzufrieden sind. Dass in der umstrittenen Szene bei Modern Warfare 2 das Schießen auf Zivilisten zum Game Over führt, finden viele Spieler lächerlich. Kein Unternehmen aber wird riskieren, den Spielspaß zu stören, wenn es das nicht unbedingt muss.
Activision übrigens rechtfertigte die Hinrichtungsszenen auf dem Flughafen damit, dass sie den Grad der Bosheit und Kaltblütigkeit eines russischen Bösewichts und seiner Einheit zeigten. "Indem wir dies zeigen, erhöhen wir den Druck auf den Spieler, ihn in den anderen Missionen zu stoppen." Modern Warfare 2 sei ein Fantasy-Actionspiel, dessen Spielinhalte intensiv, realistisch und an reale Konflikte angelehnt seien – wie bei epischen Actionfilmen auch. "Es wurde richtiger Weise für Personen ab 18 Jahren freigegeben und für diese Gruppe von Personen ist es gedacht."
Die "russischen Bösewichte" übrigens haben dieses Spiel in der aktuellen Form nicht zugelassen. Sie scheinen zumindest daran zu glauben, dass Spiele auch Meinungen prägen können.
Klasse Artikel. Großes Lob an Kollegin Tina Klopp von der Zeit. Und nix für ungut: Diese Diskussion muss man sich als Gamer gefallen lassen. Und: Auch ich gehöre dazu...
Das Problem mit Nikolaus Brender ist nicht, dass er links ist oder rechts oder gar nichts. Das wäre in den von Parteien beherrschten öffentlichen Rundfunk- und Fernsehanstalten kein Problem. Das kriegt man mit dem Proporz irgendwie hin. Der ZDF-Chefredakteur ist etwas viel Schlimmeres: er ist ein unabhängiger Kopf, ein richtiger Journalist, der sich von niemandem etwas sagen lassen will, schon gar nicht von Parteien.
Michael Spreng spricht im letzten Absatz seines Artikels einen Punkt an, der mir seit Tagen immer wieder in den Kopf kommt. Sollte Brender morgen abgesägt werden, wird der Fall mit Sicherheit vor dem Bundesverfassungsgericht landen. Wir kennen unsere Damen und Herren Politiker - sie loten Grenzen aus und auch aus Unfähigkeit ist genau das das Ziel, zuletzt bei der Vorratsdatenspeicherung zu beobachten. Roland Koch hat nichts mehr zu verlieren. Bundespolitisch ist er tot, nicht mehr vermittelbar. Vielleicht will er ja genau das erreichen - das Problem der Öffentlich-Rechtlichen und die politischen Verstrickungen ein für alle Mal von Karlsruhe entscheiden lassen...
Als ich gestern Abend noch einmal die Inhalte einiger Blog-Beiträge durchblätterte, musste ich einmal wieder an eines meines Lieblingszitate zum Thema Journalismus denken:
Ein guter Journalist macht sich nicht mit einer Sache gemein, auch nicht mit einer guten Sache.
Gesagt hat das Hajo Friedrichs, Urgestein des deutschen TV-Journalismus und es beschreibt das Ethos der alten (guten) Journalisten kompakt und ziemlich gut. In diesem einen Satz steckt so viel: Objektivität, Ausgewogenheit, Fairness, ergebnisoffene Berichterstattung, Respekt ... Das hat er schön gesagt, der leider schon lang verstorbene Hajo!
Im "klassischen" (wenn es denn so etwas schon gibt) Online-Journalismus wäre ein solcher Anspruch geradezu absurd. Die meisten Autoren berichten bewusst einseitig, haben eine Meinung, gelegentlich sogar eine Agenda, eine "Mission" und lassen die sehr offen erkennen. Ausgewogenheit erwartet man als Leser auch gar nicht mehr. Manchmal liest sich das sich für eine alten Sack wie mich schon komisch. Selbst "professionelle" Journalisten ignorieren alles, was sie zu diesem Ethos einmal gelernt haben, sobald sie nicht mehr fürs Papier schreiben sondern für ein Blog. :)
Ich will nun auf keinen Fall behaupten, dass das Friedrich'sche Motto vor dem Aufkommen des Web (2.0) von vielen Journalisten eingehalten worden wäre. :) Das wäre gar zu naiv. Tatsächlich ist es ja auch ein bisschen viel verlangt von einem Menschen, die persönlichen Ansichten und Bewertungen außen vor zu lassen, wenn er über Geschehnisse berichtet. Im Boulevard-Journalismus war das nie wirklich ein Thema und auch z.B. Spiegel-Autoren hatten meines Erachtens oft viel mehr Freude daran, eine Person, Institution oder Firma elegant in die Pfanne zu hauen, als wirklich dem journalistischen Auftrag der Berichterstattung nachzukommen. Ehrlich gesagt, liest sich das auch süffiger und wird entsprechend vom Publikum goutiert. Dieser Tonfall des scheinbar investigativen Journalismus hat sich in den 80er und 90er Jahren dann massiv im Print-Bereich und im Fernsehen ausgebreitet. Dabei werden noch die Rituale des alten Journalismus eingehalten (Hinterfragen, beide Seiten zu Wort kommen lassen) aber in sinnentleerter und manchmal geradezu menschenverachtender Form.
Vielleicht war es deshalb auch von mir ein bisschen unfair, diesen Wandel dem Aufkommen des Web zuzuordnen. Die Entwicklung hat früher begonnen ... Aber ich denke, die totale Subjektivierung der Berichterstattung ist mit Blogs und dem heutigen Social Web tatsächlich akzeptiert und Standard geworden. Ist so. Und ich muss - und kann - damit leben. Manchmal wünsche ich mir trotzdem ein paar Hajo Friedrichse auch im Web :)